05/2015

Inhalt

  • Diesen Monat neu: Führung
  • Aufgelesen: J.W. v. Goethe

Führung – wie viel Vertrauen ist nötig, und wann soll man eingreifen?

Wann greift man als Führungskraft ein, wenn man sieht, dass Mitarbeiter - bei aller Eigenverantwortung - Fehler machen, die zu negativen Folgen für Kunden und Unternehmen führen?

Die Frage habe ich in einem Beitrag über die Führungsphilosophie bei Alnatura gefunden. Die Antwort bleibt der Autor schuldig, weist nur darauf hin, dass hier die Grenzen der Selbstverantwortung sichtbar werden. Zuvor erklärt er, dass bei Alnatura Führungskräfte Vertrauen in die Selbstführungs- und Handlungskompetenz ihrer Mitarbeiter mitbringen müssen, Raum für Fehler und damit für die Entwicklung der Mitarbeiter gewähren und sich letztlich selbst überflüssig machen sollen. Je mehr Mitarbeiter Verantwortung für ihr Tun übernehmen (können), umso weniger benötigt man Hierarchien.

Fehler zu machen und auch mal zu scheitern gehört zu jedem Entwicklungsprozess. Wie soll Lernen stattfinden, wenn man nicht auch mal selbst erlebt, welche Konsequenzen eine falsche Entscheidung hat?

Nur wie soll das praktisch aussehen?
Nehmen wir an, der Mitarbeiter hat ein Aufgabengebiet übernommen, welches er in Eigenverantwortung bearbeitet. Nun trifft er eine Entscheidung, doch bevor er sie umsetzt, bekommen Sie davon Wind und wissen, dass es eine falsche Entscheidung ist. Oder besser: Dass diese Entscheidung negative Folgen (z.B. in Sachen Kundenzufriedenheit) hat und er sie besser ändern sollte. Greifen Sie ein? Oder lassen Sie ihn den Fehler machen, damit er aus ihm lernen kann?

Eine häufige Antwort hierauf lautet: "Wenn der Schaden eher gering ist, würde ich es riskieren und nicht eingreifen." Mal abgesehen, dass ich nicht davon überzeugt bin, dass dies auch in der Realität passiert: Ich würde eingreifen. Warum? Weil ich mich in den Mitarbeiter versetze und mir vorstelle, er erfährt, dass ich den Fehler bemerkt, aber nicht reagiert habe. Würden Sie sich nicht sehr ärgern, wenn es später heißt: "Ich wollte, dass Sie selbst drauf kommen."

Die Frage ist nun, wie dieser Eingriff geschieht. Ein Beispiel aus der Erziehung. Sie bekommen mit, dass Ihr Sohn Post ungeöffnet herumliegen lässt und ahnen, dass es sich um eine Rechnung handelt. Sie wissen, dass es teuer wird, wenn er sie nicht rechtzeitig bezahlt. Wäre es da nicht sinnvoll, ihn genau darauf hinzuweisen?

Genau das tun Sie also, doch Sie müssen feststellen, dass er immer noch nicht reagiert. Nun ändert sich die Situation: Jetzt gilt es, die Faust in der Tasche zu machen, nun greift die Selbstverantwortung. Es wird teuer, er zahlt und Sie ärgern sich. Dürfen aber hoffen, dass ein Lernprozess stattgefunden hat. Das Beispiel ist nicht erfunden, sondern selbst erlebt.

Übertragen auf die Führungssituation: Natürlich sollten Sie Mitarbeiter darauf hinweisen, wenn sie nach Ihrer Erfahrung und Einschätzung einen Fehler begehen. Damit haben diese die Wahl, bei ihrer Entscheidung zu bleiben oder Ihrem Rat zu folgen.

Banal? In der Praxis sieht das häufig anders aus. Ich habe Führungskräfte erlebt, die das Verfassen von Kundenbriefen an Mitarbeiter delegiert haben, diese Briefe dann aber selbst korrigiert und den Mitarbeiter angewiesen haben, die von ihnen bearbeitete Fassung zu verwenden. Mit dem Ergebnis, dass diese höchstens gelernt haben, Aufgaben zurück zu delegieren.

Banal ist, dass man Aufgaben, bei denen möglichst keine Fehler passieren dürfen, weil der Schaden für Kunden und Unternehmen zu groß wäre, natürlich anders behandelt. Aber auch dann bedeutet es ja nicht, dass die Führungskraft die Ausführung selbst überwachen muss. Denkbar sind Vier-Augen-Prinzipien in Teams oder technische Kontrollfunktionen. Hier geht es um Aufgaben, die klar der eigenverantwortlichen Bearbeitung durch den Mitarbeiter überlassen werden.

Wie man beides auseinander hält?
Auch das ist ziemlich einfach: Wenn der größtmögliche Fehler immer noch erträglich und korrigierbar ist, kann die Aufgabe getrost dem Mitarbeiter übertragen werden. Und das ist bei allen Aufgaben der Fall, wo Sie kein systematisches Kontrollsystem eingeführt haben, sondern die auch bearbeitet werden, wenn Sie als Chef mal nicht in der Nähe sind. So wie bei meinem Sohn, der die unangenehme Erfahrung auf jeden Fall gemacht hätte, wenn ich den Brief nicht gefunden hätte.

Aufgelesen

Sobald wir lernen,
uns selbst zu vertrauen,
fangen wir an zu leben.

J.W. v. Goethe
1749-1832, deutscher Dichter

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